Mittwoch, 11. Januar 2017

Panik



In meinem Kopf ist nichts bis auf ein lautes Rauschen. Und diese eine Stimme. Die Stimme die schreit, dass ich gleich sterbe. Das gleich was Schlimmes passiert, es ist unaufhaltbar.

Es passiert jetzt. Jetzt sofort. Jetzt gleich. Du kannst nicht weg. Gleich. Gleich stirbst du. Und du kannst nichts dagegen tun.

Die Stimme und das Rauschen hämmern in meinem Kopf. Und in mir drin schreit etwas, tief entfernt, eingeschlossen. 

Mein Atem geht flach, immer flacher, bis ich nur noch in kurzen Stößen keuchen kann. Sprechen funktioniert nicht, ich wimmere nur noch zwischen dem Schluchzen und den Tränen, die aus mir herausbrechen.




Eine Panikattacke nimmt die vollständige Kontrolle über den Körper.




Ziemlich oft, danach, wenn ich wieder in der Realität bin und völlig erschöpft irgendwo stehe, kann ich mich nicht mal daran erinnern, was gerade eigentlich passiert ist. 
Wieso ich jetzt hier stehe. Und woher die Panik kam.

Das macht mir am meisten Angst. Es löst geradezu eine erneute Panik in mir aus - die Erkenntnis, völlig die Kontrolle über sich verloren zu haben. Die Wahrnehmung der Umwelt zu verlieren und die Kontrolle über die eigenen Taten. 
Es macht mir Angst.

Manchmal erinnere ich mich auch an die Panikattacken. Und wodurch sie ausgelöst wurden. Und es löst solch eine große Wehmut in mir aus, weil es oft Dinge sind, die nicht im Ansatz bedrohlich sind.
Mein Gehirn spielt mir Streiche und macht mir an den Stellen Angst, die ich früher ganz unbeschwert hätte genießen können.

Die Angst vor der Angst führt zu ewig langen, zermürbenden Gedankengängen, die dazu führen, dass man sich immer weiter einigelt. Dass man sich mehr und mehr fürchtet und vor jeder Situation wenn möglich Reißaus nimmt, damit man der Panikattacke auch ja keinen Raum geben kann.

Die Angst vor sich selbst ist zusätzlich eine der schmerzhaftesten Dinge, die ich jemals erlebt habe. Die Kontrolle über sich selbst zu verlieren ist ein unerträglicher Zustand. Dass dieser Kontrollverlust von der eigenen Psyche ausgeht, noch schlimmer. Was tun, wenn einem der eigene Kopf Streiche spielt? Gefahren sieht, wo eigentlich keine sind?

Man fühlt sich in sich selbst fremd. 
Bin ich jetzt irre? Wird das alles immer schlimmer, bin ich irgendwann nur noch so? Ein angsterfüllter Mensch, der irgendwann nie mehr das Haus verlässt? Ich will doch leben und alles genießen, was das Leben mir bietet. 

Letzte Woche klopfte sie wieder an. Die Panikattacke. Es war nur ein ganz kurzer Moment, eine ungewohnte Situation - und alles in mir setzte wieder aus.

Mein Atem geht schneller und wird flach. Mein Herz pocht und alles in mir zieht sich zusammen.
Angst, Angst, Angst, Angst, Angst...es kriecht durch meinen Körper, Tränen schießen in meine Augen.
Ich schlucke. In mir schreit wieder etwas. Diesmal lauter als sonst und ich kann es hören zwischen all dem Rauschen und der Angst, die wie eine zähflüssige Masse ist und alles zu überdecken droht.



Das muss jetzt nicht sein. Es ist alles okay. Sieh dich um. 




Und ich sehe mich um. Ich sehe mich um und versuche zu sehen, was gerade wirklich passiert. Keine Bedrohung. Kein Grund zur Angst. Ich muss mich nicht fürchten. Ich muss nicht weinen. Ich muss nicht weglaufen.

Das muss jetzt nicht sein. Das muss nicht passieren.

Es muss nicht passieren. Ich sehe, was wirklich passiert, ich höre, was wirklich passiert.
Und langsam, ganz langsam wird die Stimme lauter, welche die Wahrheit spricht. Diejenige, die weiß, was gerade in der Realität passiert.

Nämlich - nichts, was mich gerade in irgendeiner Art und Weise bedroht.

Mein Atem wird langsamer und tiefer. Mein Blick wird klar. Meine zu Fäusten geballten Hände entspannen sich. Ich sehe, was wirklich passiert. Ich höre, was wirklich passiert.

Noch mögen die Erinnerungen die Oberhand haben. Noch können sie mich packen und tief hineinziehen in den Strudel aus Angst und Verzweiflung.
Aber das Wichtigste ist, dass ich weiß, dass sie das nicht ewig können. 
Dass ich irgendwann wieder die Kontrolle über meine Erinnerungen haben werde und was sie in mir auslösen.

Das ist mein Strohhalm.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Schmerz

Je näher der 31. Dezember rückt, desto unruhiger werde ich. Desto präsenter werden die Bilder, hämmert das Erlebte härter in meinem Kopf. Rückt in den Vordergrund, bis ich mal wieder blind vor Schmerz und Angst bin und mich frage, ob dieses Gefühl irgendwann nochmal endet.

Vermehrt wird jetzt wieder über die Silvesternacht berichtet. Vor allem darüber, wie die Situation am Hauptbahnhof dieses Jahr aussehen soll.

Mehr als 1500 Polizisten und Sicherheitskräfte sollen dieses Jahr im Einsatz sein - letztes Jahr waren es 140. 
Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln, NRW-Innenminister Ralf Jäger und der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies wollen anwesend zu sein.
Um sich zu profilieren.
Um Fehler verblassen zu lassen.
Noch immer hält die Landesregierung Telefon-Protokolle unter Verschluss, noch immer soll vertuscht werden, welche Fehler in der Silvesternacht und in der Zeit danach gemacht wurden.

Direkt nach der Nacht sollte vertuscht werden, was passiert ist. Unter den Tisch gekehrt werden. Die Ereignisse wurden geschönt, bis die Verantwortlichen durch die immer weiter steigende Zahl an Anzeigen dazu gezwungen wurde, das Versagen in der Silvesternacht zuzugeben.

Und jetzt? 
Wieder vertuschen. Wir setzen 1500 Polizisten ein, damit wir uns am nächsten Tag damit brüsten können, was für eine sichere Stadt wir sind, wie gut das Konzept funktioniert hat. Damit hoffentlich die Fehler verblassen, die wir gemacht haben und immer noch machen.
Natürlich passiert bei einer Präsenz von 1500 Beamten nichts. Es ist so vorhersehbar. Und genauso vorhersehbar wird die Berichterstattung nach der nächsten Silvesternacht sein, Freude, Erleichterung. Wir können das doch, alles sicher, nichts passiert! War was?

Neben den 1500 Beamten wird ein Künstler mehrere Lichtinstallationen im Bereich um den Dom positionieren. Damit wird das Gelände hell erleuchtet und soll mit seinen künstlerischen Lichtbildern attraktiv für Touristen wirken.

Wie schön. Köln wird endlich wieder attraktiv für alle Besucher, keiner muss mehr Angst haben, warum auch! 
Ist ja nie was passiert.

Mit keinem Wort werden für diesen Abend die Opfer erwähnt. Wir sind nicht anwesend. Wir bekommen keine Stimme, kein Mahnmal, nichts. Ein Lichtbild, das Besucher anlocken soll und daneben ganz viel Polizei.
Aber ein Blick zurück, ein Schritt auf uns zu? Nein. Bloß nicht.

Die nächste Silvesternacht nehmen sich Verantwortliche als Gelegenheit zur Rehabilitierung. 

Niemand möchte uns an diesem Abend einen Raum geben. Niemand möchte ein Licht für uns anzünden, ein Wort an uns richten, einen Schritt auf uns zugehen. Niemand hat vor, uns die Hand zu reichen oder zu sagen "Es tut uns leid. Wir haben Fehler gemacht."

Wir sind schon gar nicht mehr da. Dieses ganze Konzept wurde für die 1000 Männer entwickelt, die letztes Jahr unser Leben zerstört haben und die dieses Jahr nie und nimmer einen Fuß in die Nähe des Doms setzen werden.

Natürlich war es ebenso vorhersehbar, dass es dieses Jahr ein ausgefeiltes und großes Sicherheitskonzept gibt.
Nicht vorhersehbar ist die Ignoranz, die allen Geschädigten entgegenschlägt.
Und uns zutiefst erniedrigt.

Wie damals die Hand im Schritt.
Wie damals der Griff an die Brust.
Wie damals die Morddrohung, nachdem man versucht hat, sich zu wehren.
Wie damals das hämische Lachen.



"Denk nicht so viel daran", sagen viele. "Mach davon nicht abhängig, wie du das Ganze verarbeitest."

Doch, mache ich. Weil ich immer noch warte. Dass sich jemand entschuldigt. Dass ich diejenigen sehe, die mir das angetan haben.
Und das diese Menschen merken, dass sie einen Fehler begangen haben.

Ob das mal passiert?

Ich weiß es nicht.

Und das schmerzt am meisten.




Freitag, 18. November 2016

Zeitreisen

Ich stehe am Fenster und weine. So wie jeden Tag, ist ganz normal geworden. Dass ich so vor mich hin weine und darüber nachdenke, was ich normalerweise tun würde.
Am 11.11 habe ich wohl noch etwas mehr geweint als sonst. Weil mir an solchen Tagen immer besonders bewusst wird, was mir die Silvesternacht genommen hat.
Ich stehe am Fenster und sehe fröhliche Menschen, die Spaß haben.
Und ich sehe mich, wie ich vor einem Jahr genauso auf den Straßen rum gelaufen bin und zufrieden war.
Jetzt stehe ich am Fenster und habe Angst. Angst, weil da so viele Menschen draußen sind, weil ich mich selbst hier drin bedroht fühle und zu spüren glaube, jeden Moment in diese Menschenmenge eingesogen zu werden. Ich muss die Vorhänge schließen, mein Atem wird zu flach und schnell. Ich will keine Panikattacke bekommen. Es ist doch eigentlich nichts.
Und dann spüre ich auch noch Wut, während ich stumm vor mich hin weinend auf dem Sofa sitze. Wut über mich, weshalb ich jetzt so bin, wie jemand so viel Angst bekommen haben kann. Und ich springe hin und her zwischen den Momenten vor dem 31. Dezember und den Momenten danach, ich verliere mich in endlosen Vergleichen von Situationen und der immer gleichen Frage, wie das passieren konnte.
Wie konnte ich so werden?

Als ich das erste Mal gesehen habe, wie die Buden der Weihnachtsmärkte aufgebaut werden, zuckte ganz kurz Freude durch meinen Kopf. Bis meine Erinnerungen die Menschenmengen und das Gedränge vom letzten Jahr hervor holen, die mir da noch gar nichts ausgemacht haben.
Na und? Dann steht man halt dicht gedrängt und trinkt seinen Kakao.
Jetzt bereitet mir schon das Gefühl Stress, nur an einem vollen Weihnachtsmarkt vorbei laufen zu müssen. Aus Angst, die Menschen würden mich einsaugen, wie an Silvester.

Angst. Angst hat man manchmal ein bisschen, man kann Angst vor Spinnen haben, man kann Angst im Dunkeln haben oder sich erschrecken, wenn man ein unerwartetes Geräusch hört. Aber tiefe Angst, die einen bis in die geistige Ohnmacht treibt, ist damit nicht zu vergleichen. Die Angst, die ich hatte, als ich dachte, ich werde gleich vergewaltigt. Als der Mann neben mir drohte, mich umzubringen. 
Dass es so eine tiefe Angst gibt, habe ich vorher nicht gewusst. Und dass sie sich einnisten kann, auch nicht. Dass sie die einfachsten Dinge unfassbar schwer und anstrengend macht. 

Es ist ein trauriger Strudel. Ein Strudel aus viel zu viel Angst vor allem und jedem, aus Zeitreisen und Gedankengängen zu einem anderen Ich, aus Selbsthass, Verzweiflung und Schmerz.

Ich stehe am Fenster und weine.

Freitag, 4. November 2016

Wie ein Stein, der langsam auf den Meeresboden sinkt





Aufwachen. Raus aus den Alpträumen. Ich bin unfassbar müde vom ständigen Aufschrecken und der Panik, die mich dann immer überkommt. Ich weine erstmal ein bisschen. Nicht vor Erleichterung, dass ich wach bin, sondern wegen dem Druck. Dem Druck, jetzt den ganzen Tag meinen Gedanken ausgeliefert zu sein.
Die Rolladen bleiben unten und die Dunkelheit nicht nur in meinem Zimmer, sondern auch in mir selbst.

Depressionen sind wie ein Kaugummi, in das man rein tritt - Hartnäckig und kaum wieder los zu werden. 4 Jahre lebe ich mittlerweile mit diesem Kaugummi unter meinem Schuh und dachte, das klappt schon irgendwie - der größte Selbstbetrug, den ich mir je antun konnte.
Die Silvesternacht hat all die restliche Lebensfreude genommen, die ich noch hatte - und anstatt mir Hilfe zu suchen, habe ich mich verkrochen.
Bin wie ein Stein, den man ins Meer geworfen hat, immer weiter still vor mich hin gesunken.

Ich sehe langsam den Grund unter mir und mich selbst verschwinden.

Ob ich nochmal an die Oberfläche schwimmen kann, weiß ich im Moment gar nicht so recht. Weil mir bewusst ist, dass ich mir viel zu viel Zeit gelassen habe, mir Hilfe zu suchen.
10 Monate nach der Silvesternacht, 4 Jahre nach dem Einsetzen meiner Depressionen, 4 Jahre mit Selbstverletzung - erst jetzt habe ich mir Hilfe gesucht, erst jetzt. Und ich weiß immer noch nicht, ob es nicht schon zu spät ist.
Ob ich nicht schon viel zu viel von mir verloren habe und all das wiederfinde, was mich mal ausgemacht hat. Ob all die vielen Ansichten, das Glück und die Leichtigkeit mal wiederkommen oder ob ich mich schon zu sehr verändert habe.

Das macht mir Angst.
Und ich will verhindern, dass das anderen Leuten auch passiert. So viele Menschen reden ihre Depressionen runter und reden sich ein, das wäre nichts. Sind der Meinung, sie schaffen es auch ohne Hilfe und versuchen mit aller Kraft so zu tun, als wären sie nach außen hin glücklich wie alle anderen.
Das darf nicht sein.

Es ist mir egal, wie groß oder klein meine Reichweite ist, aber ich möchte, das jeder, der auf diesen Post stößt, weiß, dass er sich dringend Hilfe suchen muss, wenn er sich so ähnlich fühlt wie oben beschrieben.
Das er nicht so lange warten darf wie ich und am Ende all seine Selbstachtung, seine Lebensfreude und seine Persönlichkeit verliert und am Ende zwischen Panikattacken und depressiven Gedanken hin und her wandelt.

daydreamsandcoconuts wird an dieser Stelle nicht mehr als Fashion/Beauty-Blog weiter geführt, sondern von nun an nur noch mit meinen persönlichen Gedanken gefüllt, in erster Linie über mein Leben mit den Depressionen.
Natürlich ist das ein sehr persönliches Thema - einigen vermutlich zu persönlich und viele werden nicht verstehen, wieso man sein innerstes Seelenleben nach außen kehrt. Aber das hier ist auch ein Stück weit Therapie für mich und auch ein Stück weit Aufklärung - viele verstehen immer noch nicht, was Depressionen mit einem Menschen machen und wie es in uns aussieht.
Da ich solchen Menschen bisher viel zu oft begegnet bin, möchte ich einfach versuchen, ein wenig Verständnis zu vermitteln.
Nicht mit Erklärungen und Definitionen, sondern mit den Gedanken und Gefühlen, die ein depressiver Mensch mit sich rum trägt.

Ich hoffe, ihr versteht diesen Schritt und geht den Weg vielleicht ein bisschen mit mir. Ich würde mich freuen.

Victoria