Mittwoch, 29. April 2015

"Ich hab' auch eigentlich nichts dagegen, aber..."



Ich schmiere mir etwas Hummus auf mein Knäckebrot und beiße genüsslich ab. Hmm. Lecker. Meine vegane Woche hat am Montag begonnen und ich fühle mich  wunderbar - ich nehme mir endlich mal wieder Zeit fürs Essen und kaufe bewusst ein.
Während ich den Hummus so betrachte, ganz unschuldig und natürlich, geht mir eine vergangene Konversation durch den Kopf. Die mich ganz schön geärgert hat. Und über die ich heute mal meine Wut raus lassen muss, denn die Kernaussage ist so unsinnig, dass man lachen möchte.

Ich hab' eigentlich nichts dagegen, aber...

Ich hab' nichts dagegen, aber ich toleriere es trotzdem nicht. Während ich so tue, als wäre ich tolerant, kann ich meine Intoleranz trotzdem nicht verbergen und muss meiner Abneigung Luft machen. 
Jaja.
Beispiel Veganismus. Ich habe diesen einen guten Freund, wir verstehen uns wirklich gut, auch ohne Worte. Aber seine Intoleranz ist so furchtbar. Wenn ich erzähle, dass ich eine vegane Woche einlege, wird nur der Kopf geschüttelt. "Du bist doch behindert, das ist doch behindert" ist dann noch das netteste, was ich zu dieser Ernährungsweise von ihm höre. Er redet sich in Rage, dass das doch nicht geht, dass der Mensch nicht so geboren wurde. Das alles eklig schmeckt, was vegan ist.
Natürlich hat er noch nie was probiert.
Ich höre mir das dann alles an und warte, bis er all seinen Unsinn ausgesprochen hat. Die leeren Beleidigungen und dass man stirbt, wenn man sich ausschließlich vegan ernährt, weil einem dann alle nötigen Nährstoffe fehlen. Wenn er fertig ist frage ich meistens einfach, warum er mich nicht einfach essen lässt wie ich will, dass es mir gut schmeckt, mir Spaß macht und meine Haut so schön rein wird, wenn ich mal die ganzen Zusatzstoffe weg lasse. Und er hört zu und dann kommt hier ein "Ja, aber..." und dort ein "Ja, aber.." und schließlich der berühmte Satz "Ich hab auch eigentlich nichts dagegen, aber (hier bitte eine weitere negative Komponente über Veganismus einfügen, beispielsweise, dass man dann von Einhörnern gekidnappt wird oder so)" Und diese gespielte Toleranz, in die man dann aber nochmal seine ganze Abneigung reinpacken muss, die nervt mich. Die nervt mich so sehr, dass ich jetzt tatsächlich einen Blogpost darüber verfasse.

Wie kommt man auf den Versuch, seine Intoleranz in einen Nebensatz zu packen, nur damit es so aussieht, als wäre man eigentlich tolerant? "Ich hab eigentlich nichts gegen Ausländer, aber bitte nicht in meinem Dorf", was soll der  Satz? Fühlt ihr euch dann tolerant? Irgendwo dürfen die Ausländer ruhig hin, ui, ich bin so furchtbar weltoffen!? Nö! Der Versuch, eine Ausrede für eure Abneigung gegenüber bestimmter Dinge zu finden, funktioniert nicht. Jedenfalls nicht mehr bei mir. Abgesehen davon, das Intoleranz eine Eigenschaft ist, die man in allen Bereichen des Lebens ablegen sollte. Denn was bringt Intoleranz? Macht sie glücklich?
Nein.
Du baust eine Mauer um dich herum, eine ganz enge Mauer, über die niemand drüber schauen kann, aber du vergisst, dass du dich damit selbst abschottest. Die Gruppe intoleranter Menschen hinter ihrer Mauer verschließt sich jedem Fortschritt und jedem friedlichen Leben. Warum ist man intolerant gegenüber Dingen, die einem gut tun? Einer Lebensweise? Während so viele Angst vor Ultra-Veganern haben, die einen mit allen Mitteln und Wegen bekehren wollen, benehmt ihr euch selbst wie irgendwelche Ultras, die lieber in ihrer kleinen Welt bleiben wollen und jeden abstoßen, der nicht so lebt wie ihr. Niemand verlangt, dass man mit allem und jedem sympathisiert, was es so auf der Welt gibt. Und ich verlange das auch von niemandem. Jedem sein Steak und jedem sein Tofuschnitzel. Aber kann man dann nicht einfach ruhig nebeneinander leben? Warum muss man andere Menschen dann als "behindert" betiteln, nur weil sie eine andere Ernährungsweise haben?
Ich könnte mich in Rage schreiben, habe mich bereits in Rage geschrieben. 
Ich bin intolerant gegenüber Intoleranz, Tatsache. Und verstehe nicht, was an simpler Akzeptanz so schwierig ist. Warum man homosexuele Paare angewidert anschauen muss und dann ganz schnell sagt "Ich hab' nichts gegen sowas, aber..." Wie kann man sich gegen Liebe aussprechen? Gegen Freude und das Glück anderer Menschen? Liebe ist Liebe, egal zu welchem Geschlecht.

Und Intoleranz bleibt Intoleranz, egal, wie oft man ein "Ich hab' auch eigentlich nichts dagegen, aber.." hinten anschließt. Das macht nur noch intoleranter. Und trauriger. Denn während alle entspannt und frei um die Mauer herum leben, sitzt eine kleine Gruppe Menschen hinter der Mauer ohne Licht und mit dem angeblichen Triumph, alles richtig zu machen. Dabei ist es ganz dunkel dort. Und ihr teilt nur euren Gram, sonst nichts.

Abneigung gegenüber Dingen, die keine Abneigung bedürfen, ist so sinnlos. Und kostet Zeit. Man könnte das vegane Gericht auch einfach probieren. Oder friedlich sein Steak essen. Man könnte sich freuen, dass die beiden Männer dort drüben sich gefunden haben und lieben. Oder seinen eigenen Partner mal wieder in den Arm nehmen.
Ein abgesperrter Horizont bringt nicht weiter. Er macht klein und rückt sich selbst Abseits der Gesellschaft. Wer Intoleranz sein lässt, der ist gleich viel entspannter.
Leben und leben lassen.
Es kann so einfach sein.



Ihr Lieben,
das musste jetzt mal raus, denn ich kann diesen Satz einfach nicht mehr hören.
Nerven euch solche Fälle von chronischer Intoleranz auch oder leidet ihr manchmal auch darunter?
Ich freue mich über eure Antworten.

Liebe Grüße,
Vicky

Kommentare :

  1. Danke, ein ehrliches Dankeschön, für diesen Beitrag. Eine ähnliche Diskussion führe ich immer und immer wieder mit meinen Eltern. Ich bin keine Veganerin, esse Fleisch, wenn auch nur sehr wenig, und gerade durch die sozialen Netzwerke bin ich immer offener für Veganismus, Low Carb und all diese verschiedenen Ernährungsstile geworden. Selbst wenn ich es nicht selbst lebe, ich erfreue mich daran wie Menschen durch Ernährungsumstellungen glücklicher in ihrem Leben werden und das ist doch das wichtigste. Leider ist mein Dad Biologe und hat seine ganz eigene Meinung zu diesem Thema. Denn er findet diese Ernährungsweisen schlecht, weil der Menschen seinem Körper dadurch verschiedene Nährstoffe enthält. Er hat es mir an einem, für mich, sehr anschaulichem Bild erklärt: 'Rassehunde haben einen sehr kleinen Genpool und sind oft von Krankheiten betroffen, während Mischlingshunde, je bunter die Rassen ihrer Ahnen sind, einen sehr iel größeren Genpool besitzen und besser gegen etwaige Krankheiten gefeit sind.' Gerade nach einer solchen Erklärung verstehe ich ihn wieder besser, denn ich möchte meiner Ernährung auch nicht durch ewige Tabletteneinnahme ausbalancieren müssen, aber trotzdem lasse ich einen Veganer sein Hummus oder veganen Burger etc. essen, während ich vor meinem Rindfleischburger sitze und ihn genüßlich verspeise.

    Sorry für diesen doch seeeeehr langen Kommentar, aber dein Post hat perfekt gepasst und so konntest nicht nur du dir ein bisschen Luft machen sondern ich direkt noch dazu. :D
    -xx, Carina
    www.redsunbluesky.blogspot.de

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  2. Sehr schöner Post!
    Das mit dieser Intoleranz nervt mich auch täglich, dabei ist Knäckebrot und Humus so gut. :)
    XOXO,
    Anna
    www.honigbonbon.blogspot.de

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  3. Sehr schöner Post wieder mal <3
    Grüße ♥
    http://magicofjazz.blogspot.de/

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  4. Hey Vicky, was für ein toller Beitrag! Das passt momentan so gut und ich bin ehrlich, vor einigen Jahren war ich es, die intolerant war. Aber warum dachte ich mir, schließlich will ich auch so leben, wie ich es will und möchte dabei nicht jemanden gleich verurteilen. Ich tat so als wäre es vollkommen harmlos, aber glücklicherweise kam ich irgendwann wieder zu mir und sagte: "ey, tickst du noch ganz richtig?!" Toleranz ist ein großes Wort, das oftmals so leicht anzuwenden ist, kein aber und einfach nur es sein lassen jemanden zu negativ zu kritisieren, dabei ist es ganz egal, ob es um die Kleidung, Schminke, Ernährungsweise, Nationalität oder oder oder geht... Ich bin gegen Intoleranz und ich finde, dass man heut zu Tage sowas öfter ansprechen soll!! Deshalb danke ich dir für den Beitrag!! :)
    Allerliebst Anna

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