Dienstag, 23. Juni 2015

Ein bisschen Meer


Ich ziehe die Schuhe aus und stecke etwas ungläubig einen Zeh in den Sand. Warm. Weich. Ich betrete den Strand und sinke ein wenig ein. Spüre jedes Korn. Wie eine Muschel in meinen Fuß piekst.
Und plötzlich gehe ich los. Zielstrebig, immer geradeaus. Den Wind in der Nase, in den Haaren. Er ist noch nicht so weit, ruft mich. Warte doch. Aber ich höre schon gar nicht mehr. Gehe immer weiter bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. 
Das Meer liegt ganz ruhig vor mir. Als hätte es auf mich gewartet.



Man freut sich ja immer auf seinen Urlaub, aber wie sehr man die Ruhe genießt, die einen plötzlich umschließt, wenn man vor dem Meer steht, ist unglaublich. Nur ein wenig Rauschen. Ein bisschen Wind. Kein Getöse, Geklingel. Der Großstadt-Lärm existiert hier nicht, darf vergessen werden. 



Und dann laufe ich los. Einfach los, am Meer entlang, spüre jeden Schritt ganz deutlich. Bin frei. Kaltes Wasser fließt um meine Knöchel, kleine Muscheln pieksen in meine Fußsohlen. Aber ich bin frei. Lache. Keine Gedanken, keine Sorgen. Nur ein wenig Wind und ich.
Ich begutachte jeden Krebs und jede Alge, die mir das Meer vor die Füße spült. Als hätte ich es noch nie zuvor gesehen. Als wäre es nur für mich gekommen.



Irgendwo bellt ein Hund. Ruft ein Kind. Irgendwo, nur nicht hier. Ich stehe noch immer am Strand, aber bin in Gedanken schon so weit über das Meer geflogen, das ich glaube, den Horizont bald erreichen zu können. 
Die Sonne kitzelt mein Gesicht. Und ich laufe wieder los, um alles aufzusaugen, was dieser Ort mir bietet.



Freiheit. Ruhe. Gelassenheit.

Mittwoch, 17. Juni 2015

Ein Schmetterling ist eben nur 'ne Raupe mit Flügeln



Bilderflut. Ich drücke immer wieder auf den Auslöser. Zoome. Muss jede Blüte einfangen. All den Blütenstaub auf den Bildschirm bannen. 

Denn schon bald schließt sich diese Lilie wieder. Vergräbt sich tief im Boden, nur noch Erde, kein Grün. Als würde sie sich selbst begraben. Für ein halbes Jahr.

Ich wünsche mir, auch diese Fähigkeit zu haben. Nicht, mich selbst zu begraben. Aber jedes halbe Jahr verschwinden, 6 Monate irgendwo hin, wo mich niemand findet. Und erst wieder kehren, wenn ich strahle. Von außen, von innen. Kraftvoll bin, voller Mut und dem Drang, mich zu entfalten.

Denn ich fühle mich gerade eher wie die Lilie tief unter der Erde, die darauf wartet, dass sie in aller Schönheit erblühen wird. Und dann fällt mir wieder ein, dass ich mich gar nicht verkriechen darf. 

Mich zu verkriechen, mit meiner Decke über dem Kopf anstatt einer Schicht Erde wie bei der Lilie, macht meine Aufgaben nicht kleiner. Lässt mich nicht Strahlen, sondern kleiner werden. Weil der Druck größer wird. Mich sprengen will.

Werd erwachsen!

Diesen Satz hat mir noch niemand ins Gesicht gesagt. Aber in meinem Kopf wandert er seit Wochen durch alle Schluchten und Täler und schreit herum. 
Werd erwachsen, sonst schaffst du das nie. Tu dies, tu das. Sonst wird das nichts.
Ich versuche ständig, mich zu ducken, wenn mir diese Erkenntnis entgegen schlägt. Manchmal klappt es. Dann tue ich so, als könnte das alles hier so weiter gehen. Noch ein Jahr oder so. Das wäre schön.

Aber mich zu ducken, das wird immer schwerer.
Ich bin keine Lilie, die sich vor dem kalten Winter verkriechen kann. Vor den unangenehmen Tagen, vor dunklen Zeiten. Vor Momenten, in denen man nicht aus der Tür treten möchte - weil man weiß, was einen erwartet.

Ich betrachte die Lilien erneut und dann fällt mir doch etwas Gutes ein, was ich mir von ihnen abschauen kann.

Nach jedem kalten Winter kommen diese Lilien wieder. Strahlen, blühen. Nach jedem harten Tag komme ich auch wieder. Nach jedem schweren Schritt aus der Tür werden Leichte folgen. Leichte, die mich strahlen lassen. Von innen, von außen.

Ich verblühe nicht. Ich blühe jeden Tag neu.








(Blogtitel: Zt. aus "Grüner Samt" von Marsimoto)

Mittwoch, 10. Juni 2015

Ich schlag' die rosa Seiten auf und beginne von vorn


Manche Dinge legt man weg. Und vergisst sie dann. Einfach, weil man sie nicht mehr braucht. Oder weil sie einem nicht mehr helfen. 
Mein Tagebuch war eine Zeit lang mein einziger Freund. Der nur stumm genickt und zugehört hat, während ich bittere Tränen auf die rosanen Seiten vergossen habe. 
Und jetzt liegt es wieder in meiner Hand. Als ob es auf mich gewartet hätte. Mit offenen Armen. Wie, als hättest du es gewusst. Die ganzen Jahre. 


Immer wieder blicke ich mich unbewusst um, so als ob ich Angst hätte, dass mich jemand beobachtet. Sieht, wie eine 19-jährige in ein kleines, mit Rosen verziertes Tagebuch schreibt. Mit ernster Miene. Berührt. Verwundert, wie viele Gedanken und Gefühle durch einen Kugelschreiber auf ein Blatt Papier fließen können.

Ich bin nicht sicher, ob ich dich morgen erneut aufschlagen werde. Nochmal vertraue. Ob du all' das aus meinem vollen Kopf überhaupt aufnehmen kannst, wenn neben meinen Worten Hello Kitty sitzt und Rosen pflückt. Vielleicht wäre ein neues Tagebuch eine Lösung. 
Aber du hast so viele Seiten für mich offen gelassen. 
So lange auf mich gewartet.
Ich will irgendwie dankbar sein.