Dienstag, 15. September 2015

Vernetzt


Manchmal denkt man sich, ohne eine bestimmte Person im Leben wäre es viel leichter. Einfach aus dem Leben streichen. Und ab dafür!
Aber je länger man darüber nachdenkt, desto schwieriger gestaltet sich diese Sache. Denn dein Gedächtnis will nicht so ganz wie du. Will eure schönen Zeiten nicht löschen, behält jeden Streit, alle Erlebnisse.
Du entfernst die Person von deinen Facebook-Freunden. Zwei Klicks, fertig. Du bist ein wenig erleichtert, wenigstens diesen digitalen Ballast von dir abgeworfen zu haben. Doch dann ploppt da plötzlich ein großes Foto von diesem Menschen auf deiner Startseite auf. Er wurde von einem deiner Freunde darauf markiert. Mist. Auch das hat nicht geklappt.
Schließlich siehst du dich in deinem Zimmer um. Hängst die Bilder ab und tauschst sie aus. Verstaust die Erinnerungsstücke ganz tief in einer Kiste. Jetzt ist wenigstens dein Zimmer frei von den ganzen alten Zeiten.
Oder doch nicht?
Denn als dein Blick auf die Fernbedienung fällt, versinkst du in Erinnerungen. Wie oft ihr euch gestritten habt, welchen Film ihr heute schaut. Oder wenn du schon müde warst, aber diese Person noch ein wenig weiter schauen wollte. Wie ihr euch am Ende umarmt habt und gelacht habt. Euch unter die Decke gelegt habt, die sich gerade auf deinem Bett befindet. Und auf die Lichterkette geschaut habt, die an deinem Fenster hängt.
Du seufzt. Weil dir klar wird, dass du nicht dein ganzes Zimmer weg schmeißen kannst. Weil diese Person irgendwie immer ein kleiner Teil deines Lebens sein wird, weil so viele Erinnerungen hier sind - in deinem Kopf, in deinem Zimmer.
Du nimmst das Buch, dass sie dir geschenkt hat und legst dich ins Bett - fängst an zu lesen und irgendwie ist es vielleicht doch ganz gut, dass du es nicht weg geschmissen hast, nur weil es von dieser Person ist.

Ihr seid vernetzt.
Für immer.
Und vielleicht war das gar nicht so schlecht.








Mittwoch, 9. September 2015

Sie weiß meinen Namen nicht mehr. Aber immerhin weiß sie noch, dass sie mich lieb hat.


Es ist mir schon ein wenig unangenehm. Etwa ein halbes Jahr habe ich meine Uroma nun nicht mehr gesehen. Seit 3 Monaten lebt sie in einer Residenz. Und heute besuche ich sie das erste Mal.
Als kleines Kind war ich oft bei meiner Uroma. Sie wohnt keine zwei Minuten von mir weg und so saß ich mindestens ein Mal pro Woche in ihrer Wohnung und habe Mensch-Ärgere-Dich-Nicht mit ihr gespielt. Oder ihr komplettes Porzellan-Service aus der Schrankwand geräumt, um mir vorzustellen, ich hätte ein Café. Viel erzählt über sich hat sie nie. Aber das hat mich nie gestört.

Wenn man dann älter wird, werden so viele unwichtige Dinge plötzlich viel wichtiger. Irgendwann hört man auf zu spielen und dann kommt man vielleicht nur noch alle zwei Wochen. Jeden Monat. 
Obwohl ich ihre Wohnung vom Fenster aus sehen kann.

Jetzt wohnt sie nicht mehr dort. Der Pflegedienst stand ihr nun schon ein paar Jahre zur Seite, aber eines Tages stürzte sie und erkannte plötzlich niemanden von uns wieder. Konnte nicht mehr laufen. 
Ich habe sie an diesen Tagen, die sie im Krankenhaus verbracht hat, nicht besucht. Weil meine Angst stärker war. Angst, dass sie mich ansieht und nicht weiß, wer ich bin. Das da nicht mehr meine Uroma liegt, sondern nur noch ihre Hülle. Und ihr wacher und fröhlicher Geist schon längst woanders ist.

Heute war ich zum ersten Mal in der Einrichtung, in der sie nun lebt. Am Eingang erstmal ein kleiner Spender mit dem Hinweis, sich bitte die Hände zu desinfizieren.


Du hast es schön hell. Dein Zimmer ist in sonnengelb gestrichen und von deinem Fenster aus kannst du auf den Park schauen. Als wir uns sehen, bin ich kurz etwas verwundert. Uromas sind immer alt. Weiße Haare und so weiter. Aber dass du in dieser kurzen Zeit noch älter werden kannst, das hätte ich nicht erwartet. 
Du bist ganz erstaunt, uns hier zu sehen. Drückst uns beide und dann schaust du mich lange an. Ich warte darauf, dass du "Hallo Victoria" sagst. Aber du kommst direkt zum "Schön, dass du mich besuchen kommst." Da wissen wir es beide. Du weißt meinen Namen nicht mehr. Trauer mischt sich in meine vorherige Erleichterung, dass es dir hier gut geht.
Aber dann zeigst du mir, dass du noch du bist. 
Eine nette alte Dame kommt vorbei und fragt dich, ob du Besuch bekommen hast. Und du lächelst stolz. Stellst uns als deine Enkelin und deine Urenkelin vor und freust dich. Freust dich einfach und mir wird klar, dass es völlig egal ist, dass du meinen Namen nicht mehr weißt.

Als wir schließlich gehen, bringst du uns bis zur Tür deines Zimmers. Du strahlst und winkst uns, als wir gehen. Ich drehe mich immer wieder um und du winkst so lange, bis wir uns nicht mehr sehen können.
Aber dein Strahlen sehe ich noch. Zufrieden und glücklich.
Ich komme ganz bald wieder, Uromi.
Danke, dass du mich liebst!

Samstag, 5. September 2015

Nachtgedanken


Ich bin ganz alleine hier mit mir. Ein Meer aus schwarz und weiß, schwarze Wellen, weißer Schaum. Es ist ganz dunkel hier an meinem Meer. Manchmal so dunkel, dass man nicht mal mehr den weißen Schaum sieht. Oder ein Glitzern des Wassers unterm Sternenhimmel.
Manchmal schlagen die Wellen so hoch, dass ich mich nicht mehr halten kann. Mitgerissen werde, in einen tiefen Strudel. Welle um Welle schlägt auf mich, drückt mich tiefer. Alles schwarz. Nur noch Rauschen und dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Ich will doch raus. Schlage um mich. Versuche, um Hilfe zu rufen.
Wasser dringt in meinen Hals, rinnt meine Kehle hinunter, es brennt, alles in mir zieht sich zusammen.
Ein paar Mal schlage ich noch um mich. Bis ich mich schließlich kraftlos umher spülen lasse durch mein schwarzes Meer. Die Augen geschlossen. Den Mund fest zusammen gepresst.

Wann kommt endlich wieder ein heller Gedanke?

Irgendwann, nach einer Zeit, die mir geradezu unendlich vorkommt, werde ich wieder an den Strand gespült. Ich fühle mich ausgelaugt. Es ist anstrengend, wenn man versucht, in der Dunkelheit zu sehen. Noch schwieriger wird es, wenn du versuchst, durch die Dunkelheit zu wandern. Auf der Suche nach einem hellen Fleck, irgendwo.

Manchmal ist mehr Schwarz im Leben. So viel schwarz, das man glaubt, nichts weißes mehr darin erkennen zu können. Aber irgendwo wird immer ein kleines Stückchen Licht sein, das auf dich wartet. Geduldig. Und während deiner Wanderung durch die Dunkelheit, durch all die dunklen Wellen, immer größer wird. Immer erreichbarer. Bis du schließlich da stehst, hinter dir all die dunklen Zeiten.

Und vor dir nur noch Glück.