Dienstag, 5. Januar 2016

31.12.2015, 23 Uhr, Köln

Am Dom vorbei, so wie immer. Die Treppe runter - Moment. Warum ist es hier so voll? Und warum sind hier so viele Männer? Nur Männer... Da zündet einer einen Böller neben uns, schnell die Treppe runter. Warum sind hier nirgends Frauen...schon wieder ein Böller, der hier neben mir kracht. Noch schnell über den Bahnhofsvorplatz und dann rein in den Bahnhof, komm.
Schnell, wir haken uns ein. Ist ja nur noch ein paar Meter. Warum sind jetzt so viele Männer um uns rum. Ich habe das Gefühl, die gehen mit uns mit.
Da war eine Hand an meinem Po. Da war noch eine. Ich sehe nichts mehr. Fassen die dich auch alle an? Wie kommen wir hier raus? Lasst uns in Ruhe!

Ein paar Sekunden später stehe ich wieder alleine da, neben meiner Freundin. Als wäre nichts passiert. Wir schauen uns an und versuchen zu begreifen, was da gerade passiert ist. Was mit uns gemacht wurde.
Ich fasse schließlich an mich und will mein Handy aus der Tasche holen. Aber mein Griff geht ins leere. Ich starre meine Freundin an. "Die haben mein Handy geklaut."

Panisch laufen wir durch den Bahnhof, zu dem Treffpunkt, den wir mit den anderen vereinbart hatten. Ich bin in einem Tunnel. Umgedreht habe ich mich auf dem ganzen Weg kein einziges Mal. Aus Angst, mich könnte ein Blick treffen. Ein Blick dieser Männer, die mich wie ein Stück Fleisch behandelt haben. Und der sich dann erneut dazu berechtigt fühlen könnte, mich zu berühren. Mir innerlich so weh zu tun und letztendlich nochmal das zu nehmen, wovon er unweigerlich für immer ein Stück geraubt hat: meiner Würde.

Ich hatte nie ein Problem damit gehabt, alleine im Dunkeln durch Köln zu laufen. Ich bin nie durch die kleinen Seitenstraßen oder zwielichtigen Viertel gegangen. Und auch an Silvester habe ich keinen unsicheren Weg gewählt. Der Hauptbahnhof, da passiert sowas doch nicht. 

Falsch gedacht.

Das Schlimmste in dieser Situation war, sich nicht wehren zu können. "Wir schlagen euch" ließ mich verstummen, nachdem ich gefragt hatte, was die Anfasserei soll. Die unfassbare Angst, das man mehr als "nur" angefasst wird. In mir nur noch ein stummes Schreien nach Hilfe, von irgendwo her.

Gegen den eigenen Willen angefasst zu werden, wehrlos zu sein - ich habe ich noch nie so wertlos und klein gefühlt. Und vor allem unsicher. Ich kann mich doch wehren, oder? Ich hab das doch gelernt, wieso hat mich ein einziger Satz so stumm werden lassen?

Und wieso ist überhaupt dieser Skrupel gestorben, in einem großen Bahnhof Frauen zu belästigen und zu berauben. Wann und wieso haben diese Menschen ihren Respekt gegenüber Frauen abgelegt? Wie konnten sie lachen, während sie uns angefasst haben? Wie kann das Spaß machen?

Ich öffne die Augen. Nur 4 Stunden Schlaf. Der Blick in den Spiegel erschreckt mich. Meine Lider sind so dick vom Weinen geworden, dass ich mich erst nicht wieder erkenne.
Wir ziehen uns an, um zur Polizei zu fahren. Ich muss die Kleidung vom Vorabend anziehen, weil ich nicht Zuhause geschlafen habe. Ekel überkommt mich und ich muss wieder weinen.
Und plötzlich stehen wir dann in der Polizeiwache. Der Polizist ist nett. Dann fragt er, was passiert ist. Wo sie mich angefasst haben. Und plötzlich verschwimmt wieder alles vor den Augen, ich drehe mich weg. Dann kann ich nicht mehr und heule los.