Freitag, 18. November 2016

Zeitreisen

Ich stehe am Fenster und weine. So wie jeden Tag, ist ganz normal geworden. Dass ich so vor mich hin weine und darüber nachdenke, was ich normalerweise tun würde.
Am 11.11 habe ich wohl noch etwas mehr geweint als sonst. Weil mir an solchen Tagen immer besonders bewusst wird, was mir die Silvesternacht genommen hat.
Ich stehe am Fenster und sehe fröhliche Menschen, die Spaß haben.
Und ich sehe mich, wie ich vor einem Jahr genauso auf den Straßen rum gelaufen bin und zufrieden war.
Jetzt stehe ich am Fenster und habe Angst. Angst, weil da so viele Menschen draußen sind, weil ich mich selbst hier drin bedroht fühle und zu spüren glaube, jeden Moment in diese Menschenmenge eingesogen zu werden. Ich muss die Vorhänge schließen, mein Atem wird zu flach und schnell. Ich will keine Panikattacke bekommen. Es ist doch eigentlich nichts.
Und dann spüre ich auch noch Wut, während ich stumm vor mich hin weinend auf dem Sofa sitze. Wut über mich, weshalb ich jetzt so bin, wie jemand so viel Angst bekommen haben kann. Und ich springe hin und her zwischen den Momenten vor dem 31. Dezember und den Momenten danach, ich verliere mich in endlosen Vergleichen von Situationen und der immer gleichen Frage, wie das passieren konnte.
Wie konnte ich so werden?

Als ich das erste Mal gesehen habe, wie die Buden der Weihnachtsmärkte aufgebaut werden, zuckte ganz kurz Freude durch meinen Kopf. Bis meine Erinnerungen die Menschenmengen und das Gedränge vom letzten Jahr hervor holen, die mir da noch gar nichts ausgemacht haben.
Na und? Dann steht man halt dicht gedrängt und trinkt seinen Kakao.
Jetzt bereitet mir schon das Gefühl Stress, nur an einem vollen Weihnachtsmarkt vorbei laufen zu müssen. Aus Angst, die Menschen würden mich einsaugen, wie an Silvester.

Angst. Angst hat man manchmal ein bisschen, man kann Angst vor Spinnen haben, man kann Angst im Dunkeln haben oder sich erschrecken, wenn man ein unerwartetes Geräusch hört. Aber tiefe Angst, die einen bis in die geistige Ohnmacht treibt, ist damit nicht zu vergleichen. Die Angst, die ich hatte, als ich dachte, ich werde gleich vergewaltigt. Als der Mann neben mir drohte, mich umzubringen. 
Dass es so eine tiefe Angst gibt, habe ich vorher nicht gewusst. Und dass sie sich einnisten kann, auch nicht. Dass sie die einfachsten Dinge unfassbar schwer und anstrengend macht. 

Es ist ein trauriger Strudel. Ein Strudel aus viel zu viel Angst vor allem und jedem, aus Zeitreisen und Gedankengängen zu einem anderen Ich, aus Selbsthass, Verzweiflung und Schmerz.

Ich stehe am Fenster und weine.

Freitag, 4. November 2016

Wie ein Stein, der langsam auf den Meeresboden sinkt





Aufwachen. Raus aus den Alpträumen. Ich bin unfassbar müde vom ständigen Aufschrecken und der Panik, die mich dann immer überkommt. Ich weine erstmal ein bisschen. Nicht vor Erleichterung, dass ich wach bin, sondern wegen dem Druck. Dem Druck, jetzt den ganzen Tag meinen Gedanken ausgeliefert zu sein.
Die Rolladen bleiben unten und die Dunkelheit nicht nur in meinem Zimmer, sondern auch in mir selbst.

Depressionen sind wie ein Kaugummi, in das man rein tritt - Hartnäckig und kaum wieder los zu werden. 4 Jahre lebe ich mittlerweile mit diesem Kaugummi unter meinem Schuh und dachte, das klappt schon irgendwie - der größte Selbstbetrug, den ich mir je antun konnte.
Die Silvesternacht hat all die restliche Lebensfreude genommen, die ich noch hatte - und anstatt mir Hilfe zu suchen, habe ich mich verkrochen.
Bin wie ein Stein, den man ins Meer geworfen hat, immer weiter still vor mich hin gesunken.

Ich sehe langsam den Grund unter mir und mich selbst verschwinden.

Ob ich nochmal an die Oberfläche schwimmen kann, weiß ich im Moment gar nicht so recht. Weil mir bewusst ist, dass ich mir viel zu viel Zeit gelassen habe, mir Hilfe zu suchen.
10 Monate nach der Silvesternacht, 4 Jahre nach dem Einsetzen meiner Depressionen, 4 Jahre mit Selbstverletzung - erst jetzt habe ich mir Hilfe gesucht, erst jetzt. Und ich weiß immer noch nicht, ob es nicht schon zu spät ist.
Ob ich nicht schon viel zu viel von mir verloren habe und all das wiederfinde, was mich mal ausgemacht hat. Ob all die vielen Ansichten, das Glück und die Leichtigkeit mal wiederkommen oder ob ich mich schon zu sehr verändert habe.

Das macht mir Angst.
Und ich will verhindern, dass das anderen Leuten auch passiert. So viele Menschen reden ihre Depressionen runter und reden sich ein, das wäre nichts. Sind der Meinung, sie schaffen es auch ohne Hilfe und versuchen mit aller Kraft so zu tun, als wären sie nach außen hin glücklich wie alle anderen.
Das darf nicht sein.

Es ist mir egal, wie groß oder klein meine Reichweite ist, aber ich möchte, das jeder, der auf diesen Post stößt, weiß, dass er sich dringend Hilfe suchen muss, wenn er sich so ähnlich fühlt wie oben beschrieben.
Das er nicht so lange warten darf wie ich und am Ende all seine Selbstachtung, seine Lebensfreude und seine Persönlichkeit verliert und am Ende zwischen Panikattacken und depressiven Gedanken hin und her wandelt.

daydreamsandcoconuts wird an dieser Stelle nicht mehr als Fashion/Beauty-Blog weiter geführt, sondern von nun an nur noch mit meinen persönlichen Gedanken gefüllt, in erster Linie über mein Leben mit den Depressionen.
Natürlich ist das ein sehr persönliches Thema - einigen vermutlich zu persönlich und viele werden nicht verstehen, wieso man sein innerstes Seelenleben nach außen kehrt. Aber das hier ist auch ein Stück weit Therapie für mich und auch ein Stück weit Aufklärung - viele verstehen immer noch nicht, was Depressionen mit einem Menschen machen und wie es in uns aussieht.
Da ich solchen Menschen bisher viel zu oft begegnet bin, möchte ich einfach versuchen, ein wenig Verständnis zu vermitteln.
Nicht mit Erklärungen und Definitionen, sondern mit den Gedanken und Gefühlen, die ein depressiver Mensch mit sich rum trägt.

Ich hoffe, ihr versteht diesen Schritt und geht den Weg vielleicht ein bisschen mit mir. Ich würde mich freuen.

Victoria