Sonntag, 4. Dezember 2016

Schmerz

Je näher der 31. Dezember rückt, desto unruhiger werde ich. Desto präsenter werden die Bilder, hämmert das Erlebte härter in meinem Kopf. Rückt in den Vordergrund, bis ich mal wieder blind vor Schmerz und Angst bin und mich frage, ob dieses Gefühl irgendwann nochmal endet.

Vermehrt wird jetzt wieder über die Silvesternacht berichtet. Vor allem darüber, wie die Situation am Hauptbahnhof dieses Jahr aussehen soll.

Mehr als 1500 Polizisten und Sicherheitskräfte sollen dieses Jahr im Einsatz sein - letztes Jahr waren es 140. 
Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln, NRW-Innenminister Ralf Jäger und der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies wollen anwesend zu sein.
Um sich zu profilieren.
Um Fehler verblassen zu lassen.
Noch immer hält die Landesregierung Telefon-Protokolle unter Verschluss, noch immer soll vertuscht werden, welche Fehler in der Silvesternacht und in der Zeit danach gemacht wurden.

Direkt nach der Nacht sollte vertuscht werden, was passiert ist. Unter den Tisch gekehrt werden. Die Ereignisse wurden geschönt, bis die Verantwortlichen durch die immer weiter steigende Zahl an Anzeigen dazu gezwungen wurde, das Versagen in der Silvesternacht zuzugeben.

Und jetzt? 
Wieder vertuschen. Wir setzen 1500 Polizisten ein, damit wir uns am nächsten Tag damit brüsten können, was für eine sichere Stadt wir sind, wie gut das Konzept funktioniert hat. Damit hoffentlich die Fehler verblassen, die wir gemacht haben und immer noch machen.
Natürlich passiert bei einer Präsenz von 1500 Beamten nichts. Es ist so vorhersehbar. Und genauso vorhersehbar wird die Berichterstattung nach der nächsten Silvesternacht sein, Freude, Erleichterung. Wir können das doch, alles sicher, nichts passiert! War was?

Neben den 1500 Beamten wird ein Künstler mehrere Lichtinstallationen im Bereich um den Dom positionieren. Damit wird das Gelände hell erleuchtet und soll mit seinen künstlerischen Lichtbildern attraktiv für Touristen wirken.

Wie schön. Köln wird endlich wieder attraktiv für alle Besucher, keiner muss mehr Angst haben, warum auch! 
Ist ja nie was passiert.

Mit keinem Wort werden für diesen Abend die Opfer erwähnt. Wir sind nicht anwesend. Wir bekommen keine Stimme, kein Mahnmal, nichts. Ein Lichtbild, das Besucher anlocken soll und daneben ganz viel Polizei.
Aber ein Blick zurück, ein Schritt auf uns zu? Nein. Bloß nicht.

Die nächste Silvesternacht nehmen sich Verantwortliche als Gelegenheit zur Rehabilitierung. 

Niemand möchte uns an diesem Abend einen Raum geben. Niemand möchte ein Licht für uns anzünden, ein Wort an uns richten, einen Schritt auf uns zugehen. Niemand hat vor, uns die Hand zu reichen oder zu sagen "Es tut uns leid. Wir haben Fehler gemacht."

Wir sind schon gar nicht mehr da. Dieses ganze Konzept wurde für die 1000 Männer entwickelt, die letztes Jahr unser Leben zerstört haben und die dieses Jahr nie und nimmer einen Fuß in die Nähe des Doms setzen werden.

Natürlich war es ebenso vorhersehbar, dass es dieses Jahr ein ausgefeiltes und großes Sicherheitskonzept gibt.
Nicht vorhersehbar ist die Ignoranz, die allen Geschädigten entgegenschlägt.
Und uns zutiefst erniedrigt.

Wie damals die Hand im Schritt.
Wie damals der Griff an die Brust.
Wie damals die Morddrohung, nachdem man versucht hat, sich zu wehren.
Wie damals das hämische Lachen.



"Denk nicht so viel daran", sagen viele. "Mach davon nicht abhängig, wie du das Ganze verarbeitest."

Doch, mache ich. Weil ich immer noch warte. Dass sich jemand entschuldigt. Dass ich diejenigen sehe, die mir das angetan haben.
Und das diese Menschen merken, dass sie einen Fehler begangen haben.

Ob das mal passiert?

Ich weiß es nicht.

Und das schmerzt am meisten.




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